Archive | July 2013

1. Symposium der PhiloMedGes am 4. Dez. 2013 – Vortragsabstracts

1. Symposium der Gesellschaft für Philosophie der Medizin

Wie viel Berücksichtigung des Menschen als ganze Person
braucht die Medizin?

Mittwoch, der 4. Dezember 2013, 9-16 Uhr, Jugendstilhörsaal der Medizinischen Universität Wien, Rektoratsgebäude (Bauteil 88), Spitalgasse 23, 1090 Wien

Link zum offiziellen Einladungsfolder: PhiloMedGes_Einladung_4Dez2013

VORTRAGSABSTRACTS:

(1) „Unabhängige PatientInneninformationsstelle“ (UPI) in der Wiener Pflege- und PatientInnenanwaltschaft (WPPA)

Sigrid Pilz

(PatientInnenanwältin der Stadt Wien)

Im August 2013 wurde in der WPPA die erste Unabhängige PatientInneninformationsstelle  Österreichs eingerichtet.  Durch unabhängige, verständliche, kostenlose und wissenschaftlich gesicherte Information/Beratung sollen PatientInnen und deren Angehörige darin unterstützt werden informierte Entscheidungen treffen zu können.

Ziel der UPI ist es die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu heben. Das Leistungsspektrum der UPI umfasst individuelle, telefonische Information/Beratung (Tel.: 01/544 22 66, Mo/Mi 13 – 17 Uhr, Di/Do 10 – 14 Uhr) und berücksichtigt medizinische, psychosoziale und  rechtliche Aspekte von Gesundheit und Pflege. Außerdem ist es zentrale Aufgabe der UPI die Ratsuchenden kompetent durch das Gesundheits- und Pflegewesen zu „lotsen“.

(2) Ist der Patient ein Mensch? Ist der Mensch ein Patient? Oder geht es um die Krise der heutigen Anthropologie?

Alexander Lapin

(Sozialmedizinisches Zentrum Sophienspital)

Die moderne Medizin geht von objektiven, messbaren und statistisch belegbaren Tatsachen aus. Ihr wichtigster Erfolg, die signifikante Verlängerung der Lebenserwartung, führte paradoxerweise zur Überalterung der Bevölkerung, so dass man heute statt von Heilung, immer mehr von Optimierung der Lebensqualität spricht. Diese jedoch hängt von subjektiven Faktoren ab, wie Kultur, Familienleben oder Spiritualität. Letztere bedingt auch Hoffnung und somit die eschatologische Dimension der jeweiligen Persönlichkeit. Die Anthropologie kann daher kaum auf einen rein materialisierten somatischen Kontext zu reduzieren sein. Sie ist stets in der jeweiligen kulturellen Dimension zu betrachten?

(3) Intensivmedizin am Übergang  zwischen den beiden Polen des Lebens

Claus G. Krenn

(Medizinische Universität Wien, Universitätsklinik für Anästhesie, Allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie)

Es gehört zu den primären Aufgaben der Intensivmedizin, schwerkranke Patienten mit temporären oder dauerhaften Störungen und Versagen von Organsystemen am Leben zu erhalten und einen möglichen Heilungsprozess sowohl in Gang zu bringen als auch medikamentös und maschinell zu unterstützen.

Andererseits rücken aber bei Patienten, bei welchen auch durch Ausschöpfung modernster intensivmedizinischer Maßnahmen keine Aussicht auf Verbesserung der Lebenssituation oder Heilung mehr besteht, zunehmend andere „Therapieziele“ in den Vordergrund. In Abstimmung mit dem vermeintlichen oder explizit geäußerten Patientenwillen kann es oberstes Ziel des Behandlungsteams werden, nicht Leiden zu verlängern, sondern ein Ende des Lebens in Menschenwürde und Beschwerdefreiheit zu ermöglichen.

(4) Chirurgie und Präparat und Mensch

Hendrik Ankersmit

(Medizinische Universität Wien, Universitätsklinik für Chirurgie, Christian Doppler Labor für Diagnose und Regeneration von Herz- und Thoraxerkrankungen)

Das Lehrfach Anatomie ist für MedizinstudentInnen die erste Konfrontation mit der Endlichkeit. Die Ästhetik des Präparates, dessen Herstellung und Beschreibung, stehen für den Lehrinhalt. Der Sektionstisch der Pathologie stellt das „haptisch Begreifbare“ der Nosologie dar, welches zum Tod des „Menschlichen“ führt. Der Chirurg saniert und wendet potentiell tödliche Gefahr, basierend auf Indikation und statistischer Risikoabschätzung, ab. Erfolg und Misserfolg einer chirurgischen Therapie können mittels Kaplan Meier-Kurven dargestellt werden. Der Vortrag versucht eine professionelle Deviation nachzuzeichnen, die über „informed consent“-Diskussionen hinausgeht. Aspekte wie chirurgisches Talent, Entwicklungschancen, Mitarbeiterselektion und Vorbildwirkung in einer Abteilung werden nachgezeichnet.

(5) Beiträge zeitgenössischer Performance-Kunst zu einer medizinischen Bioethik

Paul Ferstl*’***, Lucie Strecker**, Klaus Spiess*

(*Zentrum für Public Health, Programm Arts and Humanities in Medicine, Medizinische Universität Wien,
**Universität der Künste, Berlin,
***Institut für Vergleichende Sprach/Literaturwissenschaft, Universität Wien)

In der performativen Kunst fällt Text und Handeln zusammen, was sie für eine Untersuchung bioethisch differenzierter Identitätsbildung oft geeigneter erscheinen lässt, als wissenschaftlicher Text allein.

Ästhetische Setzungen wie Verführung, Verfremdung und Überaffirmation sollen dabei die bioethische Fragestellung re-kontextualisieren.

Mittels Videosequenzen werden entsprechende internationale Performances von Critical Art Ensemble, Art Objet Oriente und Ann Liv Young sowie bioethisch unterlegte Performances aus dem eigenen transdisziplinären Programm vorgestellt. Das jeweilige künstlerische Vorgehen wird auf die Fragestellung des Symposiums bezogen.

(6) Patientenwissen – Versuch einer Übertragung von Denkfiguren des Gettier Problems auf die Frage, ob PatientInnen medizinisches Wissen haben können.

Helmut Hofbauer

(Medizinische Universität Wien, Christian Doppler Labor für Diagnose und Regeneration von Herz- und Thoraxerkrankungen)

PatientInnenwissen ist u.a. von Bedeutung bei informed consent, in der Vorsorgemedizin und der Behandlung von chronischen Erkrankungen. Im Zentrum des bekannten Aufsatzes von Edmund Gettier: „Is Justified True Belief Knowledge?“ (1963) und der sich an ihn anschließenden Diskussion in der philosophischen Epistemologie steht die Frage nach der Möglichkeit einer Definition von Wissen bzw. das Scheitern einer solchen Definition bislang. Der Vortrag stellt die Frage nach der Möglichkeit von PatientInnenwissen vor dem Hintergrund der Tatsache, dass bis heute keine allgemein anerkannte Definition von Wissen gelungen ist. Zugleich verfolgt er die Hypothese, dass Wissen in der gegenwärtigen Gesellschaft stark durch die ExpertInnenrolle definiert ist und reflektiert die Möglichkeit von Laienwissen.

(7) Das Unbehagen an der modernen Medizin

Lukas Kaelin

(Universität Wien, Institut für Ethik und Recht in der Medizin)

Der Vortrag geht auf eine Spurensuche des verbreiteten Unbehagens an der modernen Medizin. Ihre wahrgenommene (All-)Macht ist gleichermaßen der Grund für Projektionen im Positiven, wie im Negativen. Das Unbehagen kann die Form von Ängsten bestehen, überversorgt zu werden (vor allem am Ende des Lebens), nicht gehört zu werden oder in seinen Bedürfnissen nicht ernst genommen zu werden. Schließlich fällt das Unbehagen an der modernen Medizin mit dem Tagungsthema zusammen und gipfelt in der Frage, inwiefern (und unter welchen Umständen) der Patient ein Mensch ist. Worin dieses Unbehagen an der modernen Medizin besteht, wird anhand verschiedener medialer und wissenschaftlicher Diskurse plausibel gemacht.

(8) Zwischen Kommunikation, Aufklärung und Verstehen. Arzt -PatientInnen-kommunikation im Krankenhaus mit Focus auf die Informationsbedürfnisse von MigrantInnen.

Petra Herczeg

(Universität Wien, Institut für Publizistik)

Ausgehend von der „unausdeutbaren Andersheit des Anderen“ und damit auch der Freiheit des Anderen soll der Handlungsspielraum in der Arzt-Patientenkommunikation in Bezug auf MigrantInnen diskutiert werden. In der Anerkennungstheorie kann nur dann jeder zu Selbstbestimmung und damit auch zu Freiheit kommen, wenn ihn der Andere dazu auffordert und einen Handlungsspielraum zulässt. Das Erkennen der eigenen Freiheit ist nach Fichte nur durch das Anerkennen der Freiheit des Anderen möglich. Für Hegel besteht die Freiheit des Selbst weniger in der Negation des Anderen, sondern vielmehr in der Einsicht einer gemeinsamen Identität. All diese Zuschreibungen nehmen in der Arzt-Patientkommunikation im Krankenhaus eine besonders relevante Rolle ein. Besonders in der Kommunikation mit MigrantInnen liegen die Probleme nicht etwa nur in Sprachschwierigkeiten, sondern es geht auch um die prinzipielle Anerkennung des Anderen in der Kommunikationssituation.)

(9) Medizin ohne Menschen

Peter Kampits

(Donauuniversität Krems, Zentrum für Ethik in der Medizin)

Durch die Entwicklung der wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten in der Medizin ist eine Situation entstanden, in der der Patient zunehmend durch seine Repräsentation auf dem Bildschirm ersetzt wird. Dazu kommt, dass durch die Spezialisierung der Medizin nicht der ganze Mensch, sondern seine verschiedenen Organe für Diagnose und Therapie im Mittelpunkt stehen.

(10) Menschsein aus neurologisch-neurowissenschaftlicher Sicht

Christoph Baumgartner

Karl Landsteiner Institut für Klinische Epilepsieforschung und Kognitive Neurologie
Krankenhaus Hietzing mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel, Wien

Die Möglichkeiten der modernen Medizin haben dazu geführt, dass viele Menschen mit schwerwiegenden und dauerhaften Störungen wesentlicher Hirnfunktionen langfristig überleben. Diese Zustände  werfen grundsätzliche Fragen nach der Wechselwirkung zwischen Körper und Geist, der zwischenmenschlichen Kommunikation, dem emotionalem Empfinden, der Selbst- und Fremdbestimmung und letztlich dem Menschsein an sich auf. Dies betrifft freilich nicht nur die Patienten-Angehörigen-Arzt Beziehung, sondern erfordert auch eine weiterführende gesellschaftspolitische Grundsatzdiskussion.  Diese Fragen sollen im Kontext der Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften, aber insbesondere aus der Sicht des klinisch tätigen Neurologen beleuchtet werden.

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Ankündigung: Symposium der PhiloMedges am 4. Dezember 2013

1. Symposium der Gesellschaft für Philosophie der Medizin

Wie viel Berücksichtigung des Menschen als ganze Person
braucht die Medizin?

Mittwoch, der 4. Dezember 2013, 9-16 Uhr, Jugendstilhörsaal der Medizinischen Universität Wien, Rektoratsgebäude (Bauteil 88), Spitalgasse 23, 1090 Wien

Link zum offiziellen Einladungsfolder: PhiloMedGes_Einladung_4Dez2013

Wenn Sie ein gebrochenes Bein, eine virale Infektion, Asthma oder Herzprobleme haben, wenden Sie sich an eine/n AllgemeinmedizinerIn oder die entsprechenden SpezialistInnen. Der konsultierte medizinische Experte widmet sich dann jedoch primär nicht dem ganzen Menschen, sondern dem kranken Teil der PatientIn. Diese Spezialisierung, zusammen mit der Technisierung und rationalisierter Zusammenarbeit von AllgemeinmedizinerIn und Spezialistin, hat zur beispiellosen Erfolgsgeschichte der modernen Medizin geführt, bei der jedoch nicht der ganze Mensch, sondern das erkrankte Organ im Vordergrund steht. Und trotzdem kommt nach wie vor ein Mensch zur Ärztin oder zum Arzt in die Praxis oder ins Krankenhaus und bittet um Hilfe.
Das erste Symposium der Gesellschaft für Philosophie der Medizin will dementsprechend der folgenden, kontroversen Frage nachgehen: Klappt die Begegnung noch zwischen den ÄrztInnen und den PatientInnen als Menschen?

Termin: 4. September 2013

Das nächste Treffen der Gesellschaft findet am 4. September 2013 statt. Genaue Uhrzeit und Ort wird noch an dieser Stelle bekannt gegeben.

Treffen 29. Mai 2013

Vortrag Dr. Helmut Hofbauer zum Thema „Patientenwissen – Versuch einer Übertragung von Denkfiguren des Gettier Problems und tugendepistemologischer Ansätze auf die Frage, ob PatientInnen medizinisches Wissen haben können“

Willkommen auf der Website der Gesellschaft für Philosophie der Medizin!

Gründung: Januar 2013 Ort: Wien

Vereinszweck: Förderung des Diskurses zwischen Philosophie und Medizin mit wissenschaftlichen Mitteln

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